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Heimat
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| Möchte
wieder in die Gegend, Wo ich einst so selig war, Wo ich lebte, wo ich träumte, Meiner Jugend schönstes Jahr! |
Also
sehnt` ich in der Ferne
Nach der Heimat mich zurück, Wähnend, in der alten Gegend Finde sich das alte Glück. |
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| (Nikolaus Lenau - EINST UND JETZT) | |||||
| Diese
Verse kenn ich schon seit meiner Schulzeit, doch erst jetzt kann ich ihren
Sinn, auch mit Herz und Seele begreifen. Also los geht`s, auf die Reise, nach Triebswetter! Salzburg ist schnell erreicht und durch das Voralpenland, vorbei an Waller-Wolfgang- und Attersee fahren wir Richtung Heimat. Der Weg ist lang und am liebsten würd ich ihn mit der Schere etwas kürzen, um meinen Gedanken nacheilen zu können, denn die sind schon längst angekommen. Ich habe so viel vor, alle Gassen zu durchwandern, jede Menge Fotos zu machen, und, und, und Derweilen sitz ich aber noch immer im Auto und schau die weißen Wolken an, genau so, wie ich es als Kind schon getan hab, als Oma und Ota, uns Kinder mit auf's Feld nahmen. Unterm Pferdewagen wurde der "Bunda" ausgebreitet und da lagen wir auf unserem Feldbett im Schatten, schauten zum Himmel empor und entdeckten in den Wolken unsere eigene Welt: Tiere, Drachen, Hexen usw. Das war unser Spiel! Mittlerweile fahren wir durch Ungarn und das ist schon "Vor-Heimat". Landschaft und Architektur sind ähnlicher. Der weite Horizont, die schnurgeraden Straßen und der "große" Himmel, mit einem Wort, die Ebene, lösen schon Glücksgefühle aus. Die Vegetation ist auch anders geworden, dem satten Grün der Tannen ist das zarte Grün der Pappel- und Akazienbäume gefolgt. Die Akazien sind gerade in voller Blüte und ihr Duft ist betörend. Wie lange ist es her, seit wir Akazienblüten gegessen haben? Erinnert ihr euch noch an die großen, schnurgeraden Pappelbäume vor dem Schulgebäude, mit deren Ästen wir am vorletzten Schultag die Klassenräume "ufgeputzt han"? Dies war immer der schönste Schultag! Die Buben kletterten die Pappeln hoch um die Äste zu holen und die Mädels standen unterm Baum um das herab geworfene Grün einzusammeln. Den Erinnerungen nachhängend haben wir den heimatlichen Boden erreicht. Sobald wir "Nikloß" hinter uns gelassen haben, kann man schon, von weitem, unser aller Freund, den Kirchturm, erblicken. Von hier aus gesehen, hat sich in all den Jahren nichts verändert. Wie ein Fels in der Brandung -unser aller Leuchtturm- steht er da und grüßt uns schon von weitem, beim Kommen und Gehen. Das Wegweiser-Schild - Tomnatic- könnte ich umarmen. Bis zum Bahnübergang ist der Weg gar nicht so schlecht, über die Bahnlinie zu kommen ist schon etwas schwieriger, aber dann sind wir im Dorf hier hat die Erna gewohnt, dort war Kollektiv-Kindergarten, "die Miehl", "Friehlingsgass" alles noch da aber wie! Einige Häuser sind gepflegt, die meisten jedoch, dem Verfall zum Frass geworfen. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich eigentlich gar keinen Anlaufpunkt hier in Triebswetter habe. Alle weg oder verstorben ! Wo oder was, ist meine Heimat? Die Kirche und der Friedhof?! Ich laufe der "Hauptgass" entlang, Richtung Friedhof. Die Gehwege sind schlecht, wo früher Beton oder Steinpflaster war, sind an manchen Stellen nur noch holprige Steine die das Gehen zur Qual machen. Ich ordne weiterhin jedem Haus die einstigen Bewohner zu und muss feststellen dass in früheren Jahren, alles sauberer und gepflegter war. Wo ist hier der Fortschritt, die Demokratie geblieben? Stur setze ich den Weg fort, meine Freude ist dahin. Die Gassen sind fast menschenleer. Da steht eine Frau am Gassentor, sie glotzt mich an, ich sie. -"Wer ist die und was sucht die hier?" ist wohl unsrer beide Frage. Meter um Meter, denn ich voranschreite schwindet mein Enthusiasmus, hier noch etwas zu unternehmen. |
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Endlich steh ich vor unserem Gotteshaus. Ringsherum Park, alles schön hergerichtet, sogar Bänke und Laternen. Für uns Kinder war das damals "heiliger Boden", wir durften da nicht herumtoben. Einzig und allein für die Religionsstunden sind wir hier, zur Sakristei, durchgegangen oder an Feiertagen, wie Kirchweih, Kommunion und Firmung war der Zugang erlaubt. Ich merke dass ich ein bisschen neidisch bin, auf die, die jetzt hier herumtoben dürfen. Nun steh ich vor der Kirche, betroffen und geschockt über ihr Zustand. Unsere Kirche, wo wir getauft worden sind, heilige Kommunion empfangen haben, gefirmt, geheiratet und unsere Toten auf den letzten Weg begleitet haben, diese Kirche weint bittere Tränen, in Form von Putz, Mörtel, Steinen. Die Treppen sind übersät von "ihren Tränen" und Taubenkot. Würde sie Edelsteine weinen, wär wahrscheinlich keine Spur davon übrig und man könnte ohne Hindernis die Treppen hoch gehen. So aber muss man sich zwischen Steinen, Mörtel und toten Tauben den Weg zur Pforte bahnen, die natürlich verschlossen ist. Ich steh enttäuscht und ratlos da, schau mich herum, kein Mensch weit und breit, nur die Sonne scheint ungehindert und erbarmungslos auf mich herab. Ich wage einen Blick durch` s Schlüsselloch und kann feststellen, dass drinnen noch immer der alte Teppich zum Altar führt. Der neue Teppich liegt draußen und wird immer dicker, es ist ein Taubenkotteppich. Wir, Triebswetterer, haben Samstag immer "di Gass gekehrt" damit es ordentlich ausschaut. Es ist Samstagnachmittag, und all dieser Dreck vor den Kirchenstufen scheint keinen zu stören, ganz gleich welcher Wochentag ist. St. Albert und St. Samuel blicken immer noch mit strengem Blick von ihrem Sockel herab. Wie lange halten sie es noch aus? Ich knie nicht mehr vor ihnen nieder, wie vor 45 Jahren, als Nori uns sagte, dass man vor ihnen niederknien und beten muss. Renate und ich haben dies wortwörtlich genommen und uns vor den Statuen niedergekniet und mit gefalteten Händen gebetet. Diese Andacht wurde gestört, als mein Vater daherkam und uns "schaut das dir hemkummt" davonjagte. Heute ist es der Zustand der Kirche, der mich in die Knie zwingt, denn zwischen Lovrin und Temeswar, schaut keine Kirche so vernachlässigt aus. Man will sie den Rumänen verkaufen, doch die wollen sie nicht mehr, weil eine neue zu bauen für den Popen wesentlich gewinnbringender ist, und so wartet man wahrscheinlich, dass wieder die "nemti" den Geldbeutel aufmachen. Ich steh nun in der Dorfmitte und stelle fest, dass der Verfall überwiegt. Einzig und allein Schule und Rathaus sind instand gesetzt. Schritt für Schritt, führt mich der Weg zum Friedhof, vorbei an traurigen Häusern, deren Augen -die Fenster- mich stumm, glanzlos und vorwurfsvoll anblicken. Können und wollen wir überhaupt noch etwas tun? Für wen? Wofür? Die Häuser sind bewohnt, in vielen Höfen steht ein Auto, doch die Häuser "bröckeln" genauso, wie die Kirche. Die Lust am Fotografieren ist mir vergangen. Ich will Triebswetter in Erinnerung behalten, so wie es vor 30/40 Jahren noch war. Endlich am Friedhof. Ich schreite durch das erste Tor, am Kriegerdenkmal vorbei und da empfängt mich auch schon die Ruine von " Krischtins Haus". Ich steh vor dem nächsten Tor und unwillkürlich fang ich an zu weinen. Ich bin ja allein und sehen kann mich auch kein Lebender, also kann ich meinen Gefühlen freien Lauf lassen. Ich frage mich selber, wieso ich jetzt weinen muß, komme aber zu keinem Ergebnis; Freude? Leid? Beides? Hier bin ich noch vorwiegend unter Triebswetterer. Ich kenne alle Wege, als Kind war unser Sonntagsspaziergang immer der Weg zum Friedhof. Heute kommt mir jedoch der Friedhof kleiner vor, als er sonst immer war. Welchem Umstand ist dieses Gefühl zu verdanken? Ich besuche meine Mutti, Omas, Otas, Phat, Nenis alle sind sie noch da, und insgeheim nehm ich gleichzeitig Abschied für immer. Desto trotz fühl ich mich hier endlich in Triebswetter angekommen. Ich allein, zwischen all unseren Ahnen und Urahnen, die teilweise noch in ihrer alten Tracht auf Bilder verewigt sind. Die Tracht, die einst für uns gang und gebe war, weil unsere Omas so bekleidet waren. Die Tracht, die uns damals nicht weiter auffiel, weil sie allgegenwärtig war und erst heute, beim Anblick dieser Bilder wird mir klar, wie sehr ich sie vermisse. Meine Tochter war sehr gerne in Triebswetter. Mit ihren 3 Jahren ging sie in die Nachbarschaft spielen und wenn sie heim wollte, sagte sie: "Ich geh nach Tibeter". Für sie war Triebswetter einfach nur das Haus ihrer Großeltern. Warum ich das jetzt erwähne? Weil es mir heute genauso geht, für mich ist Triebswetter nur NOCH der Friedhof. Dabei ist mir bewusst, dass es nur noch paar Jahre dauern wird und dann haben wir nicht mal mehr dieses Triebswetter, es wird nur noch TOMNATIC geben, auch auf`m Friedhof. Diese Evolution hat schon begonnen, die Gräber werden, nach und nach, an andere verkauft. Wie zu Beginn, lasse ich jetzt nochmals Nikolaus Lenau (in Das Wiedersehen) zu Wort kommen: |
| Noch
kenn` ich jedes Haus; Doch andre Menschen schreiten Geschäftig ein und aus, Als wie zu meinen Zeiten. Es ist nur noch der Ort, Wo wir gefreut uns haben, Die Lieben all sind fort, Verreiset und begraben. Drum bleib ich hier nicht lang, Mich fühlend zu verlassen, Und tu` auch keinen Gang Bei Tag mehr durch die Straßen. |
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Marliese,
im Mai 2009
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